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Menschen in Stolberg – verschleppt, zur Zwangsarbeit gezwungen, ermordet

 

Eine Neuauflage des Schwarzbuches aus dem Jahre 2005 erschien uns notwendig auf Grund neuer Kenntnisse: aus den vielen, jetzt über das Internet erreichbaren Archiven und anderen Quellen und auf Grund vertiefter eigener Recherchen. Die jetzt verfügbaren und von uns ausgewerteten Kenntnisse ergänzen das Bild des Schreckens durch Details, die das erlebte Leid der Betroffenen noch schmerzhafter deutlich machen. Das Schwarzbuch „Gegen das Vergessen“ soll ein Buch der Trauer, des Mitgefühls sein mit Gedenkblättern für 252 Menschen, die in Stolberg lebten und deren Schicksal allmählich in Vergessenheit zu geraten droht. Wir haben ihre Spuren verfolgt und Einzelheiten zu einem immer noch sehr unvollständigen Lebensbild zusammengesetzt, das sich nun auf einem Blatt wiederfindet. Jedem der 252 Menschen ist eines gewidmet, um ihn/sie zu würdigen und um an das zu erinnern, was sie alle erleiden mussten: sie sind alle hier in Stolberg als Häftlinge gewesen, ohne ein Vergehen oder gar Verbrechen auf sich geladen zu haben, egal, ob sie 80 oder 3 Jahre alt waren, sie sind alle durch eine menschenverachtende Diktatur entwürdigt, gepeinigt und ermordet worden. Die meisten von ihnen wurden von den Nationalsozialisten als Untermenschen, als gefährliche Parasiten gebrandmarkt, die meisten wurden Opfer eines blindwütigen Rassismus und viele wurden über Vernichtung durch Arbeit in den Tod getrieben.

Wir haben mit Sorgfalt viele verschiedene Quellen ausgewertet, um übereinstimmende Einzelheiten über das Leben dieser Naziopfer zusammenstellen zu können. Es ist aber keineswegs unmöglich, dass sich Fehler oder Irrtümer eingeschlichen haben. Mögen unsere Nachfolger berichtigen, was wir trotz fortgesetzter Recherchen nicht mehr finden.

 

Die Mehrzahl der von uns in Erinnerung gebrachten Menschen waren Juden, eine Reihe von ihnen, 46 Stolberger Bürger, die in unserer Stadt geboren wurden und/oder hier lebten und/oder arbeiteten. Über die Mehrzahl wussten wir schon ziemlich gut Bescheid seit den Veröffentlichungen von Manfred Bierganz.

Eine recht große Gruppe bilden 80 namentlich bekannte Bürger benachbarter Gemeinden wie z.B. Eilendorf, Haaren, Aachen, Linnich, Körrenzig, Gemünd usw., die etwa ein halbes Jahr oder kürzere Zeit als Häftlinge im sogenannten Judenlager Rhenaniastraße am Hauptbahnhof untergebracht waren und Zwangsarbeit leisten mussten, bevor sie in Vernichtungslager des Ostens deportiert wurden, wo man sich ihrer entledigte.

Eine kleine Gruppe jüdischer Menschen, deren Namen wir herausfanden, waren 11 alte jüdische Menschen, die aus Kölner Altersheimen in das ehemalige RAD-Lager nach Stolberg-Mausbach gebracht und dann nach Theresienstadt abtransportiert wurden, wo ihr Leben unter entsetzlichen Umständen endete.

 

Zwei weiteren größeren Gruppen sind Gedenkblätter gewidmet. Die eine Gruppe setzt sich zusammen aus mehreren Roma-Familien, die einige Jahre in Stolberg, Steinfurt, lebten, wo sie zunächst als Schausteller Winterquartiere bezogen hatten und als ihnen das Umherziehen staatlicherseits verboten worden war, sie dann dauernd lebten und zum Teil in den umliegenden Fabriken arbeiteten. Sie wurden 1943 alle 39 – die Mehrzahl von ihnen Kinder - direkt nach Auschwitz gebracht.

 

Die andere größere Gruppe besteht aus 46 Zwangsarbeitern: jungen Mädchen, Frauen und Männern, die aus dem Osten hierher verschleppt worden waren, um zum großen Teil in den Fabriken Schwerstarbeit zu leisten. Sie waren untergebracht in ca. 40 Lagern in der Nähe der Industrien, einige auf Bauernhöfen und in Privathaushalten. Ähnliches gilt für 4 Kriegsgefangene aus Frankreich bzw. Russland. Eine Gruppe von 17 Kriegsgefangenen, die zwischen 1945 und 1948 namenlos gestorben sind, sind möglicherweise Menschen, deren Überreste nach dem Krieg irgendwo gefunden wurden und deren Identität nicht mehr festzustellen war, außer der Tatsache, dass es keine Deutschen oder Amerikaner waren. Im Schwarzbuch wird auch zweier Kleinkinder gedacht, deren Mütter Zwangsarbeiterinnen waren.

 

Zuletzt nennen wir – und das mit Respekt: es sind 4 Männer aus Stolberg, die auf Grund ihrer politischen Tätigkeit für die KPD im Stadtrat und auch im Widerstand ermordet wurden. Auch gedenken wir der 4 Stolberger, die durch die Nationalsozialisten in Frankreich bzw. im Konzentrationslager Buchenwald umgekommen sind und die kein politisches Amt innehatten.

 

Ein katholischer Geistlicher muss schließlich einbezogen werden, der wegen seiner Unbeugsamkeit und Geradlinigkeit zu Tode gequält wurde.

 

Wir möchten an dieser Stelle erinnern an viele, die anonym gestorben sind, z.B. an viele Zwangsarbeiter, die in Stolberg gearbeitet haben und deren „Abgang“ in den Unterlagen der Betriebe schriftlich festgehalten wurde. Das kann heißen, dass sie eine andere „Arbeitsstelle“ zugewiesen bekamen oder dass sie starben, ohne urkundlich erfasst worden zu sein oder sie sind in das schreckliche Lager Arnoldsweiler bei Düren überwiesen worden, das so gut wie keiner lebend verlassen hat und in dem Tote ohne Namen verscharrt wurden.

Auch wissen wir die meisten Namen der alten jüdischen Bürger noch nicht, die kurze Zeit vor ihrer Ermordung ein elendes Dasein im Lager Mausbach fristen mussten: bisher sind nur 11 Namen von 340 bekannt.

Nicht einbezogen haben wir alle diejenigen, die die Gräuel, die man ihnen angetan hatte, überlebt haben, wie z.B. Leo Holländer, Kurt Hartog und viele andere. Auch Berthold Wolff muss erwähnt werden, der jüdischen Kaufmann, der so beliebt bei den Stolbergern war, der aber das schreckliche Lager Buchenwald erleben musste, dem die Flucht aus Stolberg gelang, der in Belgien verraten und ins Internierungslager nach Frankreich verschleppt wurde, der im Versteck überlebte, aber als gebrochener, kranker Mann und wenige Jahre später in seiner Heimatstadt Stolberg starb.

 

Hiermit sei all dieser Menschen gedacht.

 

 

 

Im September 2010

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